The Turkey Curse
Hunde und Katzen essen
Letzte Woche war ich seit langer Zeit mal wieder unterwegs im Rheinland (z.B. zur Vorbereitung der SIGINT, verschiedene Treffen im Kontext des Transparenzgesetzes NRW, HV der Drosselkom u.a.), und es gab dabei eine Reihe seltsamer Eindrücke, über die sich gar nicht so einfach schreiben lässt. Einige Sachen zu einer Geschichte muss ich aber dennoch loswerden, auch wenn sie missverständlich oder gar als Angriff ankommen mögen, als das es nicht gemeint ist.
Im NRW-Landtag in Düsseldorf fand auf Einladung der Landesregierung die Veranstaltung Zukunftsforum “Digitale Bürgerbeteiligung” - Open Government und Open Parliament in NRW begreift. Um es gleich klar machen: Ich fand die Veranstaltung im Kern ganz gut und weiss durchaus sehr zu schätzen, was die Landtagsverwaltung NRW auf die Beine gestellt hat. Allerdings hoffe ich, dass bei weiteren Veranstaltungen dieser oder ähnlicher Art die Organisatoren im Detail etwas mehr Fingerspitzengefühl, Humor und Mut entwickeln. Meines Erachtens entspräche das Format wohl eher einem klassischen Barcamp, das etwas mehr Spontanität zugelassen hätte. Trotzdem muss ich sagen, dass ich es als viel offener empfunden habe als erwartet.
Aber wie schon angedeutet gibt es einige Anmerkungen, die ich mir einfach nicht verkneifen kann.
Das Programm startete mit den Eröffnungsreden von Landtagspräsidentin Carina Gödecke und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Danach ging es direkt weiter mit dem ersten Panel — und was für einem: Dort standen 10 (in Worten zehn) Männer in gleichem Aufzug einer (in Worten: einer) Frau gegenüber. Diese Frau wurde zudem mit den Worten begrüßt: “Nun kommen wir zu unserer einzigen Frau in der Runde. Dafür hat sie aber einen schönen Namen”. Hier ein Screenshot von diesem Teil der Veranstaltung, der durchaus etwas ikonenhaftes hat wie ich finde.
Anmerkung: Dieser Screenshot ist von dem Video des Panels von der Seite der Veranstaltung. Ein anderes Foto, dass ich auf Grund der Lizenz nicht einbinden kann, findet sich bei Flickr.
SRSLY? Im Jahre 2013 findet ein Event zum Thema “Digitale Bürgerbeteiligung” statt und die Veranstalter stellen dort allen Ernstes 10 Kerle und eine Frau auf die Bühne? Das ist irgendwie etwas zuviel Postgender für meinen Geschmack, und überhaupt: Dass eine Veranstaltung zu so einem Thema sogar einen geringeren Frauenanteil aufweist als die üblichen Nerdkonferenzen oder ein durchschnittlicher Parteitag der Piratenpartei, sollte sehr zu denken geben.
Schräg auf dem Panel war übrigens Innenminister Jäger (dritter von links auf obigem Bild) mit dem Spruch “Ich finde, Open Government hat nichts damit zu tun, dem Bürger terabyteweise Daten zuzuschieben”. Doch, lieber Herr Jäger, genau das hat es. Dass der zuletzt durch seinen besonderen Einsatz für die Bestandsdatenauskunft und auch sonst nicht grade als Freund bürgerrechtsfreundlicher Politik bekannte SPD-Minister solche Sachen auf einem Event dieser Art von sich gibt ist schon irgendwie bitter, zeigt es doch, wie wenig ihn das Thema ganz offensichtlich interessiert, sonst hätte er mitbekommen, worum es geht. Sehr schräg war dann auch, dass auf dem Panel über Mails von Mitarbeitern gesprochen wurde, die echt niemanden interessieren, denn darum geht es in der Debatte um Offene Daten nicht und ging es auch nie.
Im Vorfeld der Veranstaltung wurde bereits vor einigen Wochen der Hashtag #opennrw für Twitter öffentlich auf den entsprechenden Seite verkündet und sogar Broschüren mit eben jenem Hashtag gedruckt, woraufhin jemand ein kleines Script geschrieben hat, das Katzenbilder von Google geholt und mit dem entsprechenden Hashtag versehen konstant auf Twitter postete.
Auf dem Event wurde zur Eröffnung verkündet, der Hashtag werde nun auf #opennrw13 geändert und sogleich bekam ich hinter mir ein Telefonat mit, in dem die Worte fielen “Hey, die haben den Hashtag geändert. Hol die Katzen raus!” - wohl in Anlehnung an “Bring out the KRAKEN”.
Symbolbild: Anhaltender Cyberangriff von Katz3n auf #opennrw und #opennrw13
Es gab auf dem Event natürlich auch wenig überraschend “Twitterwalls”, bei denen irgendwann “katzen” und “katz3n” gefiltert wurden:
siehe meinen Tweet dazu: OpenNRW nur ohne Katzen!
Für mich bringt das die Defizite im Umgang mit digitaler Öffentlichkeit wehr gut auf den Punkt, und nicht zuletzt das war ja wohl auch Sinn der Übung wie ich das einschätze. Zumindest aber die Landeszentrale für politische Bildung NRW scheint es mit Humor genommen zu haben und twitterte “Kann einer mal die katze füttern!”. Es sollte tatsächlich einfach als das betrachtet werden, was es ist: Ein vielleicht etwas schräges, aber durchaus herzliches und freundliches Willkommen, ein “wir werden noch viel Spass haben, wenn ihr ein wenig den Stock aus dem Hintern nehmt” und eine Einladung, weiter auf Augenhöhe miteinander zu reden (ja, auch auf Augenhöhe der Katzen, aber den Witz kann keiner kapieren, der nicht in einer konkreten Situation dabei war ^^).
Aber ehrlich: Ich vermute, dass daraus komplett die falschen Schlüsse gezogen werden — was sich ja schon daran zeigt, dass Urheber dieser Aktion anwesend waren (nein, ich war das nicht!), aber weder IRL noch auf Twitter wirklich eine direkte Ansprache stattfand, auf die diese ganz sicher reagiert hätten. Denn das war (und ist) kein anonymer Porno-, Malware- oder Linkspam, sondern freundlich dreinblickende Katzen (und, zugegeben, das eine oder andere Pony, das sich da eingeschlichen zu haben scheint).
Zum Abschluss gab es — Tusch — ein weiteres Panel, dieses Mal mit nur fünf Männern und einer Frau. Schade eigentlich, waren die Workshops im Laufe des Tages doch meist von gutem Niveau, und dieses Panel setze ganz klar falsche Zeichen.
Auch wenn das jetzt etwas merkwürdig rüberkommen mag, dass ich eine Kritik ausgerechnet an dieser einen Frau in der Gruppe richte, muss ich sie dennoch loswerden.
Einmal mehr irritierte mich das Gov2.0-Netzwerk: Deren Vertreterin auf dem Panel ist nicht nur im Vorstand des Vereins, sondern auch Mitarbeiterin bei Dataport, dem Dienstleister der Verwaltungen in den Nordländern. Sie betonte zwar in der Vergangenheit mir gegenüber schon öfter, dort nur als Pressesprecherin zu arbeiten und bezeichnet sich als Journalistin (ich definiere diesen Begriff anders, aber das nur am Rande). Angaben zu diesem Engagement findet sich aber weder auf der Webseite der Veranstaltung, noch wurde darauf bei dem Panel hingewiesen. Das wirkt ähnlich wie bei dem Blogpost Die GovData-Entrüstung…ein Bärendienst? damals, bei der der Auotr der Kritik an der unabhängige Open Data/Open Government-Szene ebenfalls “vergaß” klarzustellen, wie sein persönlicher Kontext ist, wie es in solchen Fällen üblich sein sollte: Er ist NTO (National Technology Officer) bei Microsoft und war ehemals bei CSC, die — Funfact am Rande und unrelated — jetzt grade einen Funktionstest des Staatstrojaner durchführen soll. Einen NGO zu benutzen, während man gleichzeitig in Unternehmen arbeitet, die in dem Bereich tätig sind, den man da vertritt, ist mehr nur ein bisschen bemerkenswert und hatte ich auch schon während meines re:publica-Vortrages mit Lorenz thematisiert.
Grade innerhalb dieser Szenerie, die sich der Öffnung politischer und verfahrenstechnischer Prozesse verschrieben hat, ist Transparenz von ganz besonderer Bedeutung — auch wenn das die Beteiligten ganz anders sehen und sich z.B. bei Facebook darüber mokieren, diese Klarstellungen empfänden sie als störend (Sorry, ich habe keinen Facebook-Account mehr um darauf zu verlinken). Die Entscheidung und Bewertung darüber obliegt ihnen meiner Ansicht nach aber gar nicht (was ich auch schon öfter betont habe). Wenn sie also über den vielbeschworenen “Kulturwandel” reden wollen, ist das eben auch ein Teil dieser neuen Kultur: Klare Ansagen bei möglichen Interessenskonflikten, wie sie ja ganz offensichtlich existieren. Diese ergeben sich ganz automatisch durch Arbeitverträge in ganz besonderer Weise, werden dadurch doch die Kritikfähigkeit und -möglichkeit ganz erheblich eingeschränkt ist. Das zeigt sich dann ja auch in eher nichtssagenden Statements auf diesem Panel. Es sei aber auch noch einmal klar gestellt, dass es nicht als fachliche Kritik gemeint ist, und ich halte die Personen durchaus für kompetent.
Im Chaosdorf wurde der Abend beendet mit Kurzvorträgen zu ZFS, Arbeitsschutz, DNS und Ideen für eigene Verschlüsselung und anschliessendem Konsum von Barbarella und Sachen wie Smells Like Humppa von Eläkeläiset, was speziell an diesem Tag ganz besonders das zum Ausdruck gebracht hat, wie ich einige der Inszenierungen empfunden habe — von gleich mehreren Seiten.
Als ich dann irgendwann spät nachts nach “opennrw” bei Google gesucht habe, bekam ich als Antwort folgende Seite, dessen Werbeblock an Ende der Seite mich zu dem Titel des Posts inspirierte und mich quasi dazu zwang, das ganze einfach mal kurz niederzuschreiben. Man muss sich einfach klar machen, was öffentlicher Raum im Netz momentan bedeutet und wie weit wir von dem entfernt sind, was es sein sollte. Oder wie ich in meiner Kirchentagsrede sagte: “Der öffentliche Raum, über den wir hier reden, ist eher mit einem Kaufhaus zu vergleichen, in dem wir uns treffen und austauschen. Niemand würde das in der Realität ernsthaft als öffentlichen Raum in dem Sinne begreifen, wie wir ihn sonst ganz selbstverständlich wahrnehmen, sondern als das was es ist: Ein privater Raum mit öffentlicher Begängnis”. So verwundert es eben auch nicht, womit der Begriff “OpenNRW” aus Sicht der Werbenden zusammenhängt.
Mal davon abgesehen, dass ich gelernt habe, es sei in Schweiz völlig normal, Hunde und Katzen zu essen: Erlebnisse an Tagen wie diesen sind es, warum ich dieses Internet einfach von ganzem Herzen liebe!



































Über die GEMA könnte man viel schreiben und sich viel ärgern, etwa jedes zweite mal, wenn man auf ein Youtube-Video klickt und erzählt bekommt, dass dieses Video "in Deinem Land nicht verfügbar" ist. Ein besonders krasses Ärgernis ist aber die sogenannte GEMA-Vermutung. Sie bewirkt letztendlich, dass die GEMA Geld für Musiker kassieren kann, die überhaupt nicht bei ihr Mitglied sind.
Der Kapitalismuskritiker Robert Kurz ist vorgestern im Alter von 68 Jahren gestorben. Seine Texte haben mich maßgeblich politisch geprägt, kaum ein Buch hat mich so fasziniert wie sein Hauptwerk "Schwarzbuch Kapitalismus".
